Vom Hauptbahnhof zum Stadtschloss: Warum Fassade und Dekor wieder in Mode sind
Von Falk Jaeger
Wie schwierig es freilich ist, mit modernen, dekorlosen Mitteln attraktive, signifikante, dabei „ehrliche“ Architektur zu erzeugen, ist seit Beginn der Moderne daran zu sehen, dass es zwar immer wieder vereinzelte Meisterwerke nach der reinen Lehre gab, dass die Architekten aber seitdem unablässig versuchen, Ausflüchte aus der Wortkargheit zu finden. So kommt es, dass die Baukünstler heute wieder zum Fassadendekor zurückfinden, vorsichtig zwar, aber unaufhaltsam. Manche erdenken raffinierteste theoretische Legitimationen, um unverblümt einer neuen Dekorlust frönen zu können. Vorreiter sind die Schweizer, die ihre puristischen „Schweizer Kisten“ immer öfter mit Mustern oder Bildwerk dekorieren. Die Welle schwappte auch nach Deutschland, ist bis Cottbus gekommen, wo das Stararchitektenduo Herzog und de Meuron das Medienzentrum der Universität baute, und wurde vorerst von den Mauern des steinernen Berlins aufgehalten.
Benedikt Tonons Gefahrstofflager in Adlershof mit seinem großflächigen „Stoffmuster“ aus gelben und roten Ziegeln ist dabei nur die Speerspitze der Entwicklung. Figürliches ist nicht mehr tabu, Blätter oder Astwerk, computertechnisch gescannt, in Aluminium gegossen oder auf Scheiben gedruckt – wie beim Dach der Akademie der Künste am Pariser Platz –, sind im Angebot, Bilderteppiche werden als „performative Schicht“ übergeworfen, und in Innenräumen feiert Omas Blümchentapete neue Urstände. Adolf Loos’ Definition vom Ornament als Objekt der Triebverdrängung ist für die jungen Architekten wohl nicht mehr relevant: Triebverdrängung haben sie sicher nicht nötig, dennoch dekorieren sie Theater mit Dessousspitzenmuster, Bushaltestellen mit Rocaillen und Lounges mit bunten Tapeten, als sei der Grafikkünstler Victor Vasarely als Wiedergänger unterwegs... Via: www.tagesspiegel.de
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